Die Mbyá: Leben von und mit der Natur

    (Bilder: zVg) Jachuká Reté in Genf, beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen

    Wir, Mbyá Guaraní in der argentinischen Provinz Misiones, leben in etwa 120 Gemeinschaften. Nationale Gesetze und das Völkerrecht, sollten die indigenen Völker schützen, damit sie ihre Kulturen leben und sich auf ihre Art entwickeln können. Dennoch sind nur 20 % von uns einigermassen sicher vor Vertreibung. Die meisten müssen jederzeit damit rechnen, wegen irgend welcher Projekte der Weissen aus dem angestammten Gebiet vertrieben zu werden.

    Unsere Kultur und Art zu leben prägt sich uns von klein auf ein und trägt uns durch das ganze Leben.

    Die Mbyá-Kultur entwickelt sich in ihrer Umwelt nachhaltig. Zentraler Grund dafür ist die Tatsache, dass die Mbyá-Kinder von den Ältesten lernen, dass alles, was sie umgibt, seinen Beschützer – den ija – hat und deshalb alle anderen Organismen gepflegt und respektiert werden müssen. Wir sind nicht die «Krone der Schöpfung» sondern nur ein weiteres Mitglied in diesem grossen Universum von Lebewesen. Auf dieser Grundlage, unserer Sicht der Welt, die von anderen Prioritäten und einer anderen Beziehung zur Natur geprägt ist, hat der Begriff des Privateigentums am Wald, den Flüssen, dem Land, dem Raum – die Voraussetzung für die Zerstörung sind – keinen Platz.

    Jachuká Reté mit einer Jaguarskulptur, welche ein Häuptling aus einem umgestürzten Baum schnitzte.

    Die Art und Weise, wie wir den Raum sehen, den wir beanspruchen, ist so anders als das westliche Leben, wo es nur darum geht, auf dem schnellsten Weg wirtschaftlichen Profit zu machen. Dies steht im krassen Gegensatz zu dem, wie wir Mbyá leben: Seit tausenden von Jahren auf nachhaltige Art und Weise, indem wir unser grosses Haus, den Wald, das Wasser und die Pflanzen, pflegen und schützen.

    Man kann sagen, dass unsere Art Pflanzen zu kultivieren, eine eigene Form dessen ist, was heute als Agrarökologie bekannt ist und beliebt wird. Wenn wir pflanzen und unsere Kokué (Gemüsegärten, Pflanzplätze in den kleinen temprären Lichtungen) bestellen, tun wir es mit dem Wissen unserer Vorfahren, stets die Zyklen und den Wert der Vielfalt berücksichtigend. Die Pflanzungen haben keine zerstörerischen Auswirkungen auf die Umwelt und gedeihen dank der Interaktion zwischen verschiedenen Arten. Mit anderen Worten: Monokultur und Raubbau sind uns fremd.

    Es tut sehr weh, auf den Strassen von Misiones die mit einheimischen Bäumen beladenen Lastwagen zu sehen, die die Wälder verlassen. Vieles geschieht auf «legale» Weise, mit der Erlaubnis der entsprechenden staatlichen Verwaltungsorgane. Das sind sehr ungleiche Kämpfe, die wir, die Mbyá, weiterhin führen müssen, um unseren Wald zu schützen, damit unsere Mutter Erde nicht weiter verwüstet und krank gemacht wird. Wir sind nicht arm, wenn wir nicht haben, was wir nicht brauchen, wir sind dann arm, wenn sie unseren Wald zerstören und uns mehr und mehr in die Enge treiben.

    Jachuká Reté


    Zur Person

    Jachuká Reté, im Pass Jorgelina Duarte (45), gehört dem Volk der Mbyá Guaraní an. Sie ist Mitglied des Kontinentalrats der Guaraní Nation (CCNAGUA). 2019 reiste sie in die Schweiz. Sie hielt öffentliche Vorträge in der Schweiz, Deutschland und England und nahm in Genf an der 42. Sitzung des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen teil. Sie lebt mit ihrer Familie in der Gemeinschaft Tamandua und arbeitet in Posadas für das Nationale Institut für indigene Angelegenheiten (INAI) und unterrichtet an verschiedenen Schulen.


    Die Indigenen Argentiniens haben sich vor 25 Jahren das Recht erstritten, Juristische Personen für ihre Gemeinschaften zu errichten, welche sich selbst organisieren und dem Staat keine Rechenschaft schulden, so lange sie sich innerhalb der nationalen Gesetze bewegen. Sie dürfen Land (Wald) besitzen, diesen traditionell nach ihrer Kultur nutzen – jedoch nicht abholzen und verkaufen. Im Gegenzug müssen sie keine Steuern bezahlen. Mbyá Gemeinschaften, welche nach «weissem Recht» Eigentümer des von Ihnen genutzten Waldes werden, sind sicher vor Vertreibung. Es ist Ironie des Schicksals, dass das Grundeigentum am Wald, welches ihrer sehr sinnvollen, nachhaltigen Weltanschauung widerspricht, von den Weissen respektiert wird und der beste Schutz für die Mbyá, ihre Kultur und den Wald darstellt. Sagittaria – Schweizerische Vereinigung für Naturschutz in Argentinien – kauft Waldstück für Waldstück um sie den Mbyá Gemeinschaften zurück zu geben. Dies im Interesse der Mbyá, des Waldes und des weltweiten Klimas. Der Kampf für die genuinen Rechte, welche die Argentinische Verfassung mit der Anerkennung der Präexistenz der indigenen Völker eigentlich garantiert, muss weiter gehen. Doch Gemeinschaften, welche in der «weissen Welt» als Waldeigentümer auftreten können, sind in diesem Kampf klar im Vorteil.

    www.there-for-you.comKlimaschutz

    Unterstütze die Mbyá mit einer Spende, sie erhalten Lebensraum und der Wald wird geschützt!


    UNO-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker

    Die von der UNO-Generalversammlung an der 61. Session im September 2007 verabschiedete Deklaration beinhaltet einen menschenrechtlich inspirierten Katalog der besonderen Rechte der indigenen Völker.

    Durch die Annahme der Deklaration an der Generalversammlung gingen die UNO-Mitgliedstaaten keine rechtlich verbindlichen Verpflichtungen ein. Trotzdem stellt die Deklaration ein wichtiges Instrument im Kampf um die Verwirklichung der Rechte der indigenen Völker dar und definiert einen internationalen Standard zum Schutz ihrer Rechte. Die Deklaration stellt die indigenen Völker mit allen andern Völkern auf die gleiche Ebene. Sie anerkennt das Recht der Indigenen auf die Erhaltung und Entwicklung ihrer Institutionen, Traditionen, Kulturen und Identitäten und verbietet Diskriminierung und Marginalisierung. Ausserdem anerkennt sie das Recht auf Selbstbestimmung, auf die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen in ihren Gebieten sowie auf Entschädigung für Ländereien, Territorien und Ressourcen, die ihnen ohne ihre freie Zustimmung weggenommen, besetzt oder beschädigt wurden.

    www.humanrights.ch